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Wo einst die Pferdekutschen der Berliner Straßenbahn beherbergt wurden, testet heute das Start-up go-e Batterieladetechnik an E-Autos.


Letzte Pferdestraßenbahn von Berlin

Kürzlich erhielten wir die Gelegenheiten, die neuen Räume für das Start-up go-e im Waldenser Hof zu gestalten. Der Gewerbehof liegt im Herzen von Alt-Moabit, nahe dem Tiergarten und dem Spreebogen. Hier hat sich eine lebendige und für das Viertel typische, angenehm entspannte Mischung aus Handwerkern, Künstlern, Galerien, Laboren, Start-ups und Kiezvereinen niedergelassen.

 

Das aus Österreich stammende Start-up zog vor etwa drei Jahren nach Berlin, um dort qualifizierte Fachkräfte zu finden. Der Gewerbehof passte perfekt: Es gab ebenerdige Räume, die man ebenso als Büro für die Entwickler als auch als Labor und Werkstatt nutzen konnte; die Miete war erschwinglich; es gab weitere Flächen, um das schnelle Wachstum zu gewährleisten und man schätzte den persönlichen Kontakt zum Vermieter im Familienbetrieb. So zog go-e vorerst mit ein paar Schreibtischen, Stühlen und Regalen ein. Kurz darauf mieteten sie eine weitere Nachbarfläche und eine Halle im Souterrain gegenüber an, in dem sie ihre Laborgeräte aufbauten. Was go-e bei ihre Suche nach einem Mietobjekt noch nicht wußte und bloßer Zufall war: Bereits vor über 120 Jahren wurde hier an mobiler Elektroverkehrstechnik mit Akkubetrieb gearbeitet. Das im Jahr 1891 errichtete Gebäudeensemble war ursprünglich als Berliner Pferdebahnhof bekannt. Im Auftrag der Stadt wurden hier die Zugpferde und Waggons der Berliner Straßenbahn untergebracht und versorgt.

 

Damals wurden die Straßenbahnen von Pferden gezogen, während parallel an der Elektrifizierung gearbeitet wurde. Dieser Prozess zog sich aufgrund der noch jungen Technologie und den hohen Investitionskosten über Jahrzehnte hin. Die erste elektrische Straßenbahn nahm 1898 den Betrieb zwischen dem Alexanderplatz und Schöneberg auf. Aus heutiger Perspektive geradezu kurios: Die Hälfte der gut 7 km langen Strecke wurde im Akkubetrieb gefahren. Auf diese Technik zu setzen, war damals gar nicht so abwegig wie man heute vielleicht denken mag. Da das Streckennetz noch sehr klein und lückenhaft war, versuchte man die nicht elektrifizierten Teilstrecken zu überbrücken. Ein Problem, das nicht nur in Berlin, sondern überall in den aufstrebenden Industrienationen bestand. Elektroingenieure auf der ganzen Welt beschäftigten sich zeitgleich damit; so auch der österreichische Ingenieur Anthony Reckenzaun. Seine Arbeiten und Patente fanden schließlich in Berlin Anwendung, als in Zusammenarbeit mit der AEG auf dem Gelände des Waldenser Hofes drei Pferdebahnwagen zu Akkutriebwagen umgebaut wurden.

 

Dieses Kapitel war jedoch nur von kurzer Dauer. Denn obwohl die Technik damals schon grundlegend funktionierte, kämpfte sie noch mit Kinderkrankheiten. Größtes Problem war der hohe Stromverbrauch, besonders in den kalten Wintermonaten. Sehr niedrige Temperaturen setzten den Batterien stark zu. Der Stromverbrauch schnellte in die Höhe, sodass die Straßenbahnen mit leeren Akkus auf der Strecke plötzlich liegenblieben. So stellte man bereits den Betrieb nach kurzer Zeit wieder ein und nutzte vorübergehend wieder Pferde, bis man das ganze Netz ausgebaut hatte und auf Strom umstellen konnte.

 

Von der ursprünglichen Nutzung zeugen heute noch einige erhaltene bzw. restaurierte Wandbeschläge mit Stahlringen, an denen die Pferde angebunden wurden. Ein weiteres Relikt der Vergangenheit sind die breiten, flachen Rampen, die in die beiden unteren Geschosse des Hauptgebäudes führen. Über diese Rampen wurden die Pferde und Waggons ins Gebäude gebracht.



Heute sind es wiederum österreichische Ingenieure eines ansonsten sehr international aufgestellten Teams, die an diesem geschichtsträchtigen Ort an der Elektrifizierung und Ladetechnik der Zukunft arbeiten. Das österreichisch-deutsche Start-up go-e entwickelt Ladetechnologien für E-Autos. Und so sind es nun Elektroautos, die über die Rampen ins Innere rollen, um unter Laborbedingungen die neuesten Entwicklungen zu testen.

 

go-e legte großen Wert darauf, dass möglichst alle Entwickler „an einem Tisch“ sitzen. Daher entwarfen wir aus unserem modularen Co-Working-Table Eve eine einzige, riesige Bench in Y-Form. Diese wurde mitten im Open Space um eine Stahlsäule platziert und bietet Platz für über 20 Mitarbeiter, die daran gleichzeitig arbeiten können.

 




Für offene Meetings wurde in einem weiteren Open Space eine Miniarena geschaffen, die an ein Carport bzw. eine Garage erinnert, an die auch die von go-e entwickelten Ladestationen üblicherweise angebracht werden. Holzschindeln aus Lärche spielen auf die österreichische Herkunft an.



Bauen ist ja ein bisschen wie Operieren-am-offenen-Herzen. Das hat auch den Vorteil, nachhaltigere Produkte und Lösungen einfach mal auszuprobieren und dabei wertvolle Erfahrungen zu sammeln. So haben wir für das Projekt zwei Möbelhersteller gewinnen können, die zum ersten Mal für uns den Stoff Oceanic von Camira für ihre Polster verwendet haben. Das Textil ist zu 100 % aus recyceltem Polyester; etwa 50 % davon besteht aus SEAQUAL-Garn (aus dem Meer eingesammeltes Plastik).

 

Die einzelnen, individuell entworfenen Raumtrenner wie auch unsere Co-Working-Table sind so konzipiert, dass man sie leicht in ihre wenigen, einzelnen Materialien wieder zerlegen kann. Der Stahl, der teilweise schon aus recyceltem Stahl besteht, ist unbehandelt und kann problemlos immer wieder recycelt werden.


go-e interior design by ONWS Berlin

Bildmaterial: Bild 1: Landesarchiv Berlin - Repro aus Sigurd Hilkenbach, Wolfgang Kramer, Claude Jeanmaire: Berliner Straßenbahnen. Die Geschichte der Berliner Straßenbahn-Gesellschaften seit 1865. Archiv Nr. 6. Verlag Eisenbahn, Villigen AG 1973, ISBN 3-85649-006-X, Legende 26.; alle weiteren Bilder: ONWS Berlin

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